Frisch auf den Tisch

Der schrille Wecker dröhnt mir in den Ohren. Im Halbschlaf schalte ich ihn aus und drehe mich noch einmal um. In der Nacht hatte ich schlecht geschlafen und kaum ein Auge zu gekriegt so war jede Minute mehr kostbar.

Auf einmal schreckte ich hoch.

Mist… ich hatte verschlafen!

So etwas passierte mir sonst nie, es war schon helligter tag draußen – ich griff vollkommen panisch nach meinem Smartphone um auf die Uhr zu schauen. Puh, erst 7:30 Uhr, da konnte ich gerade noch pünktlich kommen, wenn ich im Eiltempo zur Arbeit flitzte. So sprang ich aus dem Bett, nahm schnell eine kurze Katzenwäsche vor, streifte mir hektisch die Klamotten über den Körper und mit einem Frühstückskracker in der einen und 150vt für den Bus in der anderen Hand raste ich aus dem Haus um mir hastig einen Mini-Van heranzuwinken.

Als der Bus mich im Regenschauer an der Straßenecke zu VASANOC absetzte stolperte ich überstürzt hinaus und rannte die Einbahnstraße hinunter zu dem Büro.

Es war 8:05 Uhr. In Deutschland würde so mancher Kollege bei der geringsten Verspätung in der zweiten Arbeitswoche die Nase rümpfen, mal sehen wie es sich hier in Vanuatu hält dachte ich mir.

Tiefer Wassergraben vor VASANOC.

Tiefer Wassergraben vor VASANOC.

Vor dem Haus angekommen, stelle ich verblüfft fest, dass das Tor zum Büro noch verschlossen war und sich noch niemand im Gebäude befand, obwohl manche meiner Kollegen für gewöhnlich schon um 7:30 Uhr mit der Arbeit beginnen. Ich war verdutzt und fragte mich, ob es hier wohl üblich war, dass man Montags für einen sanften Einstieg in die Woche später zur Arbeit kommt. Der Regen wurde stärker und es hatte sich ein Wassergraben vor der Stufe zum Tor gebildet. Na´ toll – hätte ich gewusst, dass ich hier vor verschlossenen Türen stehen würde, hätte ich mir die Hetzerei auch sparen können. Doch ich machte mir nichts draus, ließ den Regen auf mich hinab prasseln und die Nässe meinen Körper hinunter triefen (ohne Regenschirm blieb mir ja auch nicht wirklich etwas anderes übrig) und wartete geduldig auf den ersten Mitarbeiter.

VASANOC - vor verschlossenen Türen.

VASANOC – vor verschlossenen Türen.

Gegen 8:30 Uhr kam Thibu angeschlendert und schließt das Tor auf. Später fragte ich ihn, ob ich ihm bei den letzten Vorbereitungen der National Youth Games behilflich sein könnte. So verschickte ich die Einladungen für die Eröffnungsfeier des Events am Mittwoch. Beim tippen der Namen schaute ich zweimal hin um sicher zu gehen, dass ich mich nicht verschrieb, denn hier hießen die Leute nicht Müller oder Schmitt mit Nachnamen sondern beispielsweise Kalfabun oder Korikalo.

Die Tastatur harkte und ich musste regelrecht mit meinen Fingerkuppen auf die einzelnen Tasten einschlagen, damit die Buchstaben auf dem Bildschirm erschienen.

Nach kurzer Zeit klemmte die Leertaste immer wieder, so dass zwischendurch ungewollt zig Leerzeichen zwischen den einzelnen Buchstaben entstanden bis ich sie wieder löschte.

Letzte Woche wurde mir gesagt, dass ich heute Vormittag ein Meeting mit Thibu und dem Marketingverantwortlichen Ehrenamtlichen habe, doch dieser erscheint nicht. Als ich Thibu fragen will, was ich noch für die Vorbereitungen des Events tuen kann stehe ich vor seinem verschlossenem Büro. So wende ich mich an Henry, sein Büro betretend höre ich ihn fröhlich singen, daraufhin frage ihn ob er gerne singt.

„Well it is Monday“ woraufhin ich lachend entgegne „Other people would sing at fridays.“

Daraufhin lächelt er mich breit an, doch als ich ihn frage ob er mir eine Aufgabe für die National Youth Games zutragen kann, schüttelt er nur den Kopf und meint dass er nicht in den Vorbereitungen des Events involviert sei. So erkundige ich mich nach einem anderen Aufgabenfeld, doch er schaut mich nur fragend an und zuckt mit den Achseln.

Kurz vor der Mittagspause verkündet Thibu mir, dass er eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe für mich bei den National Youth Games hat.

Dabei sagt er: „Es ist toll, dass man hier als Berufseinsteiger so schnell Verantwortung tragen kann!“

Er fügt hinzu, dass dies in Frankreich keinesfalls der Fall sei und dass es lange brauchen würde um sich hochzuarbeiten. Ich bin schon vollkommen gespannt was für eine verantwortungsvolle Aufgabe er mir übertragen will und schaue ihn erwartungsvoll an. Dann bedeutet er mir sogar:

„Pass auf, ich habe eine Mission für dich.“ Ich muss lachen, denn dieser Begriff ist ja schon ein recht großes Wort und wiederhole unglaubwürdig: „Ah´mission?“

(Es ist wie ein Trommelwirbel im Zirkus bei dem die Spannung steigt, bevor der Artist das Drahtseil hochspringt.) Ich spitze meine Ohren und höre ihm gebannt zu. „Yes, a mission“ wiederholt er und dann ergänzt er…

„du darfst den Coca-Cola Stand beaufsichtigen!“ dies verkündet er mir mit so einer Freude im Gesicht, als ob dies die tollste Aufgabe der Welt sei.

Soll, dass ein Scherz sein?!? Denke ich mir. Den Praktikanten die Cola verkaufen zu lassen ist das eine, aber dies auch noch so groß anzukündigen und als die verantwortungsvollste Mission überhaupt anzukündigen das andere. Ich kann mir nicht anders helfen und lache laut auf. Ja, ja der Thibu weiß schon wie er mit seinem zuckersüßem Grinsen  die Leute um den Finger wickeln kann, nun hat er auch meinen Mund mit Honig beschmiert, aber so schnell der Honig dadrauf gelandet war so schnell tropfte er wieder hinunter. „Well I woulnd´t really call that a mission“ meldete ich mich zu Wort und kann mir dabei einen spöttischen Unterton in der Stimme nicht verkneifen.

Eine Straße auf dem Weg in die Mittagspause überquerend, stoppt ein Auto, nur kurz vor mir ab. Ich erschrecke mich zutiefst und Thibus Stimme, der mir erklärt hatte, dass die Autos hier Gesetz haben, hallte in meinen Ohren wieder.
Ich spazierte weiter am Meer entlang zur großen Markthalle, um mir dort an einer der Kochnischen mein Mittagessen zu besorgen.

Sonst bellen die Hunde hier lauter als die Männer, doch diesmal werde ich oft auf dem Weg angesprochen und ein junger Mann ruft mir spielerisch: „I love you“ hinterher.

Ich bin irgendwie genervt und will eigentlich nur meine Ruhe. Ich fühle mich aufgekratzt, müde und abgeschlagen zugleich, ich war leicht reizbar und meine Bewegungen hektisch obwohl es dazu eigentlich gar keinen Grund gab.

Was war bloß los mit mir?

  • War es der wenige, schlechte Schlaf?
  • War es die Klimaumstellung, und damit nicht nur die Hitze sondern auch die hohe Luftfeuchtigkeit?
  • Waren es die ganzen Eindrücke, die jeden Tag aufs neue von allen Seiten auf mich einprallten?
  • War es die Zeitumstellung von 9 Stunden zu Deutschland?
  • Waren es die vielen neuen, wenn auch freundlichen Gesichter?
  • War es die Sprache, die ich mich umgab, die ich aber nur zu einem Bruchteil verstand?
  • War es die neue Umgebung?
  • War es das nicht endend wollende bellen der Hunde in der Nacht?

Oder war es einfach alles zugleich?

Die Liste wirkte endlos – die vielen Eindrücke, neuen Begegnungen und Gepflogenheiten schienen wie ein Kartenhaus über mich zusammen zu stürzen.

Doch es war kein Jetlag, denn in der ersten Woche hatte ich kein Problem mit der Zeitumstellung und für einen Kulturschock, meldete sich dieser recht spät an. Vielleicht war es einfach eine Reizüberflutung, die sich jetzt zu Wort meldete vermutete ich.

Mittlerweile war ich in der großen Markthalle angelangt und die Köchin wedelte mit ihren Händen vor meinem, und dem Gesicht der anderen Gäste herum um die vielen Fliegen zu vertreiben. Das essen mundete wirklich gut und man schmeckte, dass der Fisch frisch aus dem Meer kam. Beim verspeisen des Fisches musste man stark aufpassen, dass man sich nicht an einer der Gräten verschluckt, denn durch ihre Frische sind die Fische hier voller Gräten. Neben dem Salat hatte mir die Köchin Kartoffeln serviert, zumindest schien dies so auf den ersten Anblick, doch bei dem ersten Bissen stellte ich fest das es etwas anderes sein musste. Als ich sie fragte erzählt sie mir, dass das Gewächs auch unter der Erde wächst und auf die Frage hin ob es ähnlich wie eine Kartoffel sei, stimmt sie nickend zu.

Die vielen kleinen Kochnischen in der großen Markthalle.

Die vielen kleinen Kochnischen in der großen Markthalle.

Zurück im office sitzt jemand anderes an meinem Arbeitsplatz.

Ich bin ein wenig irritiert und frage ob ich wieder an den Rechner könne, da ich noch Dokumente auf dem Computer geöffnet hatte. Der Mann willigt ein und ich schreibe den Ruderverein an um mich nach den Trainingszeiten zu erkundigen, dabei stelle ich fest dass der Präsident des Rudervereins auch gleichzeitig der Marketingverantwortliche Ehrenamtliche für VASANOC ist, mit dem ich heute Morgen ein Treffen gehabt haben hätte sollen. So frage ich ihn in der Mail auch, ob ein Treffen noch bevor Thibu´s Rückkehr nach Frankreich möglich sei. Nur kurze Zeit später antwortet er mir und es stellt sich heraus, dass Thibu den Ort unseres meetings falsch vermittelt hat, da Allan, der Marketingverantwortliche, davon ausgegangen ist, dass wir zu ihm ins Büro kommen.

Thibu ist sich keiner Schuld bewusst und schlägt mir ein treffen mit Allan um 17:00 Uhr vor. Daraufhin teile ich ihm mit, dass ich ja nur bis 16:30 Uhr hier sei, „gut, dann machen wir es eben um 16:30 Uhr“ antwortet er knapp.

Du, Spaßvogel!, dachte ich mir. Wenn ich wenigstens eine sinnvolle Aufgabe (oder überhaupt irgendeine Aufgabe) hätte, dann würde ich auch gerne länger da bleiben damit das meeting mit Allan noch zu Stande kommt, aber da ich keine Lust hatte meine Zeit im Büro einfach nur abzusitzen, lenkte ich ein und fragte ob ein meeting nicht auch am anderen Morgen statt finden könnte. Thibu schien nicht sehr begeistert, aber letztendlich konnte ich ihn davon überzeugen.

Wieder am Rechner sitzend, will ich einen neuen Beitrag auf die website von VASANOC einfügen, doch die Internetverbindung ist unterbunden. Einige Zeit des Versuchens vergeht doch die Internetseite braucht ewig zum laden und stürzt immer wieder ab. Ich bin genervt, da ich keinen wirklichen Ansprechpartner habe und gerne gefordert werden würde, würde ich mich nur Ansatzweise mit der Struktur und Organisation VASANOC´s auskennen, würde ich mir einfach selbst ein Aufgabenfeld suchen, aber an dem ersten Tag meiner zweiten Praktikumswoche hatte ich damit quasi keine Chance. Ich rufte Thibu an, da ich im Büro die einzige von dem Olympischen Komitee war, doch er wimmelt mich nur ab und legt mitten in meine Frage hinein den Hörer auf.

So jetzt reicht es, denke ich mir und gehe um kurz nach 16:00 Uhr nach Hause.

  • War es wirklich die richtige Entscheidung das Praktikum in Vanuatu, am anderen Ende der Welt zu absolvieren?
  • Warum hatte Henry dem Praktikum überhaupt zugestimmt, wenn er doch gar kein Tätigkeitsfeld für mich hatte?
  • Fand er es wohl möglich einfach nur interessant jemanden aus Deutschland da zu haben?
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3 Gedanken zu “Frisch auf den Tisch

  1. Hallo Koko!

    Hört sich ja alles spannend an. Spannende Einstellung zum Leben habe die Leute 😉
    Da können wir uns bestimmt noch was abschauen..

    Ganz liebe Grüße,
    Kathrin

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    1. Ja, das stimmt und ich entdecke jeden Tag neue Ansichts- und Verhaltensweisen. Gerade beispielsweise komme ich vom Markt der 24h von Mo.-Sa. geöffnet hat. Eine Gruppe von Leuten hat zur Gitarenmusik gesungen und die Marktfrauen haben spontan mit eingestimmt und fröhlich in die Hände geklatscht, dass war wirklich ein tolles Bild!
      Liebste Grüße zurück!

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