Zutiefst berührt

Gestern hatte ich in meiner Mittagspause eine Begegnung die mich zutiefst berührt hat.

Ich schlenderte über den Kleidermarkt, erkundigte mich nach den Preisen eines Verkauerferlosen Standes bei der Verkäuferin am Nachbarstand und als ich das zweite mal an diesem Stand vorbei ging sprach mich die Händlerin auf einmal an und meinte:

„Kann ich dich was fragen, hast du eine Spalte?“ dabei zeigte sie mit ihrem Zeigefinger zwischen Nase und Mund.

„Ja“ antwortete ich verwundert, „How could you know?“ Sie strahlt mich freudevoll an und entgegndet mir „come, come I show you a picture of my son, he has a claff as well.“
Ich folge ihr und sie zückt ein Foto aus ihrem Portemonnaie, „that’s my son“ bedeutet sie mir strahlend. Das Kind auf dem Foto ist ca. 1 Jahr alt, und seine Spalte noch geöffnet. Ich erkundige mich, ob die Spalte inzwischen geschlossen wurde. Daraufhin erzählt sie mir, dass die Spalte von außen geschlossen ist, aber das der Gaumen noch offen sei. Ihr Sohn wurde vor etwa einem dreiviertel Jahr zuletzt operiert, da die neuseeländischen Fachärzte nur einmal im Jahr nach Vanuatu kommen um Operationen an Lippen-Kifer-Gamenspalt Kindern durchzuführen. In Vanuatu gebe es keine Ärzte, die diese Operationen durchführen könnten. Dann frage ich sie warum die Ärzte bei der letzten Operation den Gaumen nicht gleich mit geschlossen hätten.

„Oh, das haben sie“ antwortete die Dame mir und fügte hinzu, „doch die Naht ist wieder aufgeplatzt und mein Junge hat soviel Blut verloren, dass er fast daran gestorben wäre.“

Das entsetzten was mir nun ins Gesicht geschrieben steht, kann ich nur schlecht verbergen und erkundige mich wann den die nächste Operation statt finden soll. Sie erklärt mir, dass die Ärzte aus Neuseeland erst in einem Jahr wieder kommen würden und die Operation dann erst möglich sei. Aber ihr Mann wolle nicht, das sie ihn dann operieren, weil er Angst habe, dass er diesmal verblutet. Ich bin schockiert und beteuere ihr, dass die Operation für die Sprachentwicklung des Kindes sowie für die Nahrungsaufnahme doch sehr wichtig sei.

Sie stimmt mir zu, denn inzwischen ist das Kind zwei und seine ersten Sprachversuche könne nur sie als Mutter verstehen und das Essen lauft ihm oft aus der Nase wieder heraus.

Ich frage sie, ob ihr Sohn nicht ein Gaumenspaltplättchen hätte. Sie berichtet mir, dass sie deswegen im Krankenhaus waren, aber keine weiteren Informationen mehr erhalten hätten und ein solches Plättchen recht teuer sei. Daraufhin erkläre ich ihr, dass dieses Plättchen sehr wichtig ist, da es die Sprachentwicklung unterstützt und es auch bei der Nahrungsaufnahme behilflich ist. Sie schaut mich interessiert an und meint, dass sie glaubt dass ihr Sohn das Plättchen immer wieder ausspucken und nicht annehmen würde. Woraufhin ich ihr bedeute, dass es doch normal sei dass Kinder etwas unbekanntes zuerst nicht annehmen, aber dass es nach einiger Zeit kein Problem mehr darstellen würde. Sie nickt verständnisvoll und meint, dass sie im Krankenhaus noch einmal nach harken würde.

Als ich noch einmal betone wie wichtig gerade die ersten Operationen im Kindesalter seien, die eigentlich in den ersten zwei Jahren des Lebensalters abgeschlossen werden sollten. Verspricht sie mir, noch einmal mit ihrem Mann zu reden, um ihn zu überzeugen, dass sie die nächste Operation durchführen lassen wenn die Ärzte aus Neuseeland wieder im Land sind.. Aber sie erklärt mir, dass sie eigentlich gar nicht mehr will, dass ihr Sohn überhaupt noch operiert wird, da sie so Angst um ihn hätte. Ich versuche ihr die Angst zu nehmen und meine, dass bei den Operationen ja eigentlich nicht viel passieren könne. Ich zeige auf mich und meine, dass ich ja auch ganz gesund sei.

Zugleich bin ich ins Geheim überrascht, dass die Operation der westlichen Ärzte so schlecht verlaufen ist und der Junge fast dabei ums Leben gekommen wäre.

In unserem Gespräch stellt sich heraus, dass sie sich selbst daran die Schuld gibt, dass ihr Sohn die Spalte hat. Sie hätte oft mit ihrem Mann gestritten während der Schwangerschaft und sieht die Doppelte-Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte als Resultat der vielen Streitereien. Ich schaue sie fassungslos an und meine, dass sie sich doch bitte nicht selbst die Schuld daran geben soll… es sei einfach die Natur, dafür könne sie nichts!

Weiterhin erklärt sie mir, dass Spalten Kinder nicht von den Dorfgemeinschaften akzeptiert werden, und dass sie mitbekommen hat das vor kurzem zwei Mütter ihre Kinder, die ebenfalls eine Spalte hatten verhungern lassen haben.

„Verhungern, lassen?“ harke ich zutiefst bestürzt nach, ja die Mütter hätten sich nicht richtig um die Kinder gekümmert, weil sie sie auf Grund ihrer Spalte nicht großziehen wollten.
Ich bin einfach nur sprachlos vor Entsetzen und halte einen Moment inne. Kurz danach verabschieden wir uns herzlich voneinander und sie meint, dass sie mich mit ihrem Sohn vielleicht einmal in meinem Büro besuchen kommt. „Ja, sehr gerne.“ lache ich ihr entgegen.

Beim Mittagessen beschäftigt mich das Thema sehr und ich bin dankbar in Deutschland, im 20. Jahrhundert geboren worden zu sein, in einem Land und zu einer Zeit, wo eine Spalte kein Problem mehr darstellt sondern nur mit einer handvoll von Operationen verbunden ist.

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