Verwurzelung von Kultur und Religion

An einem Sonntag morgen war ich für 7:30 Uhr mit Sony, die ich bei den Nationl Youth Games kennen gelernt hatte, für den Besuch in ihre Kirche verabredet. Als ich sie fragte, ob wir am Wochenende etwas zusammen unternehmen wollen, entgegnete sie mir freudestrahlend:

„Oh´ ja lass uns in die Kirche gehen!“

Ich, die weder religös erzogen wurde noch gläubig war, war zunächst leicht peinlich berührt bei diesem begeistertem Vorschlag den frühen Sonntag morgen in einem Gottesdienst zu verbringen. Doch als mich Sony über die einzelnen Religionen ihres Landes aufklärte und dabei soviel Enthusiasmus in ihrer Stimme lag, wurde mir bewusst, dass die verschiedenen Religionen stark mit der Kultur der Ni-Vanuatus und auch ihrem Verhalten verankert sind. So begriff ich, dass der Besuch eines Gottesdienstes mein Verständnis für die Kultur der Einheimischen weiten könnte und mir einen Einblick in ihren Bezug zur Religion geben würde, damit sah ich diese Möglichkeit als Türöffner für eine Sichtweise auf die freundlichen Bewohner dieses Landes, die mir ansonsten vielleicht verborgen blieb.

Zudem interessierte mich die Frage in wie weit die Kultur wirklich mit der Religion verwurzelt ist?

Am Samstagnachmittag erhielt ich dann einen Anruf von Sony, die mir verkündete, dass wir jetzt einen Ausflug mit ihrer gesamten Familie zu einer der kleinen Inseln nahe Efate machen würden, anstatt in die Kirche zu gehen. Auch wenn mir die überschwängliche Begeisterung mit der Sony von ihrer Religion sprach fremd war, hatte ich mich doch mittlerweile sehr auf den Besuch des Gottesdienstes gefreut und war sehr gespannt auf dessen Ablauf. Doch dieses Vorhaben lief mir ja nicht davon. Ich war zwar etwas irritiert, dass wir nun einen Ausflug unternehmen würden, da Sony mir zuvor noch berichtet hatte, dass sie ausnahmslos jeden Sonntag zur Kirche ging, aber ich freute mich genauso auf diese Unternehmung.

Ich fragte gleich dreimal nach ob wir wirklich bereits um 7:30 Uhr los fahren würden…

und Sony beteuerte mir, dass wir so früh los fahren müssten, da wir nach der Autofahrt noch mit dem Boot auf die Insel übersetzten müssten. Mittlerweile freute ich mich echt auf den Ausflug und vor allem auf die Bootsfahrt und stand extra um 6:45 Uhr auf um die Familie nicht warten zu lassen, wenn sie mich abholen kommen würden.

Doch es kam niemand… nicht eine halbe Stunde später, auch keine Stunde später.

Ich hatte ins Geheim schon mit einer Verspätung gerechnet und Sony deshalb gebeten mich kurz vor dem sie in meiner Straße an langen würden anzurufen, damit ich erst dann das Haus verlassen könnte um am Straßenrand auf sie zu warten (einen wirklichen Fußgängerweg gab es nicht). Nach der einstündigen Verspätung schickte ich ihr eine SMS, doch auf diese kam keine Antwort. Etwa 1,5 Stunden nach unserer vereinbarten Uhrzeit rief ich sie dann an. Sie spricht halb verschlafen in den Hörer: „Ja, hallo?“ und fragt mich was denn los sei. Ich bin etwas irritiert über diese Frage, da wir ja vor 90 Minuten verabredet waren. Dann antworte ich ihr freundlich: „Naja, wir waren doch verabredet, du hast mich Gestern Mittag angerufen und mich zu eurem Familienausflug eingeladen.“ „Jaaa“ gähnt sie mir von der anderen Seite der Leitung entgegen, „aber ich hab verschlafen und meine Familie ist ohne mich abgefahren, wir können jetzt in die Kirche gehen.“

„Na, toll!“ denke ich mir, hätte ich das gewusst hätte ich auch gerne ausgeschlafen.

Es kam keine Entschuldigung oder ein „Es tut mir leid“, es lag so viel Selbstverständnis in ihrer Stimme, dass ich sprachlos war doch ich willigte ein, dass sie mich in ca. einer halben Stunde abholen würde. So schlüpfte ich von meinen Hotpants in meine lange, weite luftige Hose und wartete darauf, dass sie vorbei kommen würde.

Wenn in Deutschland eine Freundin so mit mir umgesprungen wäre von „Kirche, zu Ausflug, zu Kirche“, mich 2 Stunden versetzt hätte, sich nicht bei mir melden würde und dann in aller Seelen ruhe verkünden würde sie hätte verschlafen ohne sich mit einem kleinsten Wort dafür zu entschuldigen, dann wäre ich sicherlich sauer gewesen. Aber hier nahm ich es einfach so hin und versuchte es tonlos zu akzeptieren. Denn ich war mir durchaus bewusst, dass hinter Sony´s Verhalten keine böse Absicht steckte, sondern das es für sie normal war und man in der Südsee ein anderes Verständnis für „Zeit und Raum“ hatte.

Und wie sagt man so schön „When in Rome, do as the Romans do“, so versuchte ich mich anzupassen und machte ihr keine Szene als sie mich abholte sondern begrüßte sie freundlich.

Sony, trägt ein wunderschönes, türkis strahlendes Kleid auf dem grüne Blumen aufgedruckt sind, der Schnitt des Kleides schmeichelt ihrer Figur und an der Taille läuft läuft der Stoff zu einer Borde zusammen die mit einer kleinen runden und von innen ausgeschnittenen Kokosnussschale versehen ist. Auf mein Kompliment für das Kleid hin entgegnet sie mir strahlend, dass sie es selbst entworfen hätte und eine Näherin ihr das Kleidungsstück nach ihrer Zeichnung auf den Leib geschneidert hätte. (Und das für sage und schreibe umgerechnet ca. 10€)
Auf meine Frage hin warum sie verschlafen hätte, erzählt sie mir, dass sie am vorherigen Abend feiern gewesen wäre und zuviel „hot stuff“ getrunken hätte.

Ich bin verwundert bei dem Wort „hot stuff“, da ich heißen Alkohol viel mehr mit Weihnachtsmärkten und kalten Wintern als mit der sonnigen Südsee verbinde, aber man lernt ja auch was den Alkohol angeht nie aus. 😉

An der Kirche angelangt ist der Gottesdienst schon im vollen Gange, doch es scheint keinen zu stören, dass wir Mitten während des Gesangs hinein platzten. In dem kleinen, einfachem Raum sitzen in etwa 30-40 Leute. Der Altar ist mit einem prachtvollen Blumengesteck geschmückt und ich bin verwundert über die moderne Technik der Kirche. So wird der Gesangstext mit einem Beamer auf eine Leinwand geworfen, eine rundliche Dame singt der Gemeinde Strophen des Textes durch ein Mikrophon vor und ihre Stimme halt über große Lautsprecher durch den Raum. Am Seitenrand spielt dazu ein junger Mann Schlagzeug, ein weiterer Keyboard und ein dritter E-Gitarre. Wir stellen uns vor einer der Holzbänke neben zwei Freunden von Sony und sie stimmt in den Gesang mit ein. Der Gesang erschallt durch den Raum und es ist schön zu spüren wie sich die Stimmen in der Luft zu einem ganzen vermischen. Doch die Texte sind mir befremdlich und ich kann mit ihrem Inhalt nicht sonderlich viel anfangen, so fällt es mir teilweise schwer mich auf einzelne Strophen einzulassen und sie nach zu singen.

Die Menschen um mich herum jedoch singen aus voller Inbrunst mit ihrem gesamten Leib, sie erheben die Arme, mit einem ehrfürchtigen und teilweise bittenden ja´schon fast flehenden Blick nach oben, wiegen ihre Körper von links nach rechts und scheinen völlig in ihrer Verbindung zu Gott verschwunden.

Nachdem zwei Strophen in einem Singsang gefühlte 50 mal wiederholt wurden, setzt sich die gesamte Gemeinde und der Pfarrer erhebt sich. Er schreit seine endlos lange Predigt mit vollem Körpereinsatz in das Mikrophon und stellt dabei immer wieder rhetorische Fragen auf die die Gemeinde mit einem bekräftigendem „yes“ oder „Amen“ antwortet und einige erheben zustimmend ihre Hand nach oben.

Während der Predigt stoßen immer mehr und mehr Menschen zu dem Gottesdienst hinzu, bis ich mich irgendwann umdrehe und bemerke das der Raum hinter mir fast komplett gefüllt ist.

Die jüngeren Kinder, sind in Festtagskleidung gekleidet und spielen draußen, manchmal läuft eines in die Kirche hinein um zu seiner Mutter zu gelangen. Und als das Handy einer älteren Dame laut zu klingen beginnt, wirft ihr keiner einen abwertenden oder empörten Blick zu, wie es sicherlich in Deutschland der Fall gewesen wäre, sondern die Leute beginnen zu lachen und schauen sie belustigt und freundlich zugleich an.

Der Gottesdienst zieht sich über zwei Stunden lang und es wird abwechselnd Gesungen, gebetet und den Worten des Pfarrers gelauscht.

Bei den Gebeten kneifen einige Leute die Augen zusammen und wiegen sich andächtig hin und her, bei anderen liegt soviel Hingabe in ihrem Gesichtsausdruck, dass ich förmlich spüre, dass sie sich während ihres Gebetes Gott besonders nahe fühlen müssen.

Nach dem Gottesdienst, stellt sich der Pfarrer an die Tür und schüttelt beim hinaus gehen jedem einzelnem die Hand. Vor der Kirche hat sich bereits eine Traube gebildet, die Menschen unterhalten sich, tauschen sich aus, lachen laut und kein einziger von ihnen verschwindet sofort um wieder seines Weges zu gehen.

Es war das starke Gefühl der Gemeinschaft und die Umsicht im Umgang miteinander, was mir besonders gefiel.

Eine Gemeinschaft, der ich vielleicht nicht angehörte von der ich mich aber sofort auf- und angenommen fühlte.

Eine Frau war ganz begeistert, dass ich extra aus dem fernen Deutschland angereist war um ihr Land zu erkunden und sie schlug mir mit leuchtenden Augen vor, dass wir uns ja mal zum Beten treffen könnten.

Da überkommt mich wieder das peinlich berührte und unbehagliche Gefühl, denn ich hatte Sony zwar sofort unverblümt geschildert, dass ich an keinen Gott glaubte, aber dieser Frau konnte ich das nicht so gerade heraus sagen, nachdem ich zwei Stunden in Mitten ihrer Gemeinde gesessen hatte.

Ich konnte die Gottesehrfurcht der Menschen für mich persönlich nicht ganz nachvollziehen, aber ich war sehr dankbar und froh um diese neu errungene Erfahrung. Denn mich durch strich das Gefühl, dass mich der Gottesdienst ein wenig näher an die Kultur der Ni-Vanuatu´s heran geführt hatte.

Als ich mich später von Sony verabschiedete war ich überwältigt von ihrer Herzlichkeit, da wir uns selbst ja kaum kannten. Sie teilte mir mit, dass ich mich jeder Zeit bei ihr melden könnte, wenn ich irgendetwas bräuchte, ich gerne etwas mit ihr unternehmen würde oder mir langweilig werden würde.

(Wenn sie nur die leiseste Vorahnung hätte wie wenig langweilig mir in ihrem Heimatland war, das für mich voller neuer Entdeckungen und Überraschungen steckte.)

Hier noch eine Auflistung der Religionen, die mir Sony auf ein Blatt Papier kritzelte als sie mir von den verschiedenen Glaubensrichtungen ihres Landes berichtete:

  • Presbytenan
  • Assembly of God (Apostolie)
  • Curch of Christ (Apostolie)
  • Pentecostal (Apostolie)
  • Four Square (Apostolie)
  • Catholic
  • Satanic
  • Christ Church
  • Jenova
  • Muslim
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