Das Verständnis von „Zeit“

Zeitverschub

Als ich vor ein paar Wochen an Henry´s Bürotür anklopfte um mit ihm etwas zu besprechen, hatte er leider keine Zeit. In Folge dessen frage ich ihn: „Around what time would you be available.“ Er schaut mich grinsend an und entgenget „after lunch“. Da es hier keine fest geregelten Mittags- bzw. Pausenzeiten gab, wusste ich mit dieser Aussage nicht sonderlich viel anzufangen und harkte nach „So that would be around when?“. Daraufhin musste er nur lachen, ich die nun die Situation zu begreifen beginnt stimme in sein Gelächter mit ein und teile ihm mit:

„Ah, sorry I am still in this European sort of time thingh.“ Woraufhin er mich freundlich und verständnisvoll zugleich an schaut und nickt.

Nachdem ich sicher wusste, dass Henry zu Mittag gegessen hatte betrat ich wieder sein Büro und erkundigte mich, ob er nun Zeit für mich hätte. Er schüttelt bloß tonlos den Kopf, beginnt wieder zu lachen und ich verstehe wieder wortlos, dass er auch diesmal keine Zeit für mich entbehren konnte.
Thibu hatte wirklich recht behalten als er mir anfangs mit auf den Weg gab, dass man hier nicht so schnell locker lassen durfte und immer und immer wiedernachharken musste um sein Ziel zu erreichen. Er hatte diese Prozedur als sehr mühsam und Nervensehrend beschrieben, doch ich war eine sehr hartnäckige Person und würde mich nicht so schnell abwimmeln lassen.

So gelang es mir bereits am nächsten Morgen Henry zu einemGepräch über die „OpeningCeremony“, die ich für die Eröffnung desMuseumsraums organisieren würde, zu bewegen.


Zeitverständnis

Sony, die freundliche, junge aufgeschlossene Frau, die ich vor kurzem zu einem Gottestdienst begleitet hatte, hatte mir angeboten für den Rest meiner Zeit in Port Vila bei ihrer Familie zu wohnen. Ich freute mich darüber riesig und wahr sprachlos über diese unedliche Herzlichkeit, die mir hier schon so oft entgegen gebracht wurde. Doch als ich sie bat, ihre Familie zuvor einmal kennen zu lernen kam es leider nie zu einem treffen. Ich hatte wirklich mehrere Anläufe gestartet, der letzte dieser Anläufe gestaltete sich wie folgt… an einem Donnerstag rief ich Sony an, da sie auf meine SMSen zuvor nicht geantwortet hatte. Ich fragte, sie ob ich an dem Samstag bei ihr vorbei kommen könnte, sie willigte sofort ein und erkundigte sich wann ich gerne kommen würde. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher, ob ich an dem Samstag einen Auflug unternehmen würde und teilte ihr mit, dass ihr mir noch nicht ganz sicher sei. Doch sie wollte gerne eine Uhrzeit wissen, so fragte ich sie, ob es für sie gegen 18:00 oder 20:00 Uhr in Ordnung wäre und ob ich ihr die genaue Uhrzeit einen Tag darauf mitteilen könnte. Sie schien sich mit dieser Aussage nicht ganz zufrieden zu geben, woraufhin ich ihr freundlich entgegnte, dass ich die Erfahrung gemacht habe, dass es besser sei sie bezüglich dem Zeitpunkt einer Verabredung am selben Tag, an dem diese statt fand zu kontaktieren.

(So war ich vor ein paar Tagen bereits auf dem Weg zu ihr, als ich sie anrief und sie mir ganz überrascht mitteilte, dass die gesamte Familie gerade ausgeflogen sei und nicht vor dem späten Abend wieder kommen würde – ganz so als hätte unser Gespräch über die Verabredung nie statt gefunden.)

Sie begann zu lachen und meinte, dass es manchmal eben spontane Änderungen gab bestand aber trotzdem darauf, dass ich ihr am Freitag mitteilen sollte wann ich am nächsten Tag gerne genau kommen würde. So rief ich sie am Freitagmittag erneut an, um ihr mit zuteilen, dass ich nun um 18:00 Uhr kommen würde. „Ja, klar gar kein Problem“ entgegnete sie freudig. Am Samstag wählte ich kurz vor unserer Verabredung, noch bevor ich das Haus verließ, wieder ihre Nummer um diesmal sicher zustellen, dass sie auch vor Ort ist. Doch Sony klärte mich darüber auf, dass sie jetzt ganz spontan zu einer Freundin fahren würde, und dass ich ja Morgen kommen könne.

Zu gut, dass ich diesmal angerufen hatte, bevor ich mich auf den Weg machte.

Langsam begann ich die Aussage einerNeuseeländerin, die hier bereits seit 35 Jahren lebte zu begreifen, dass es für die Ni-Vanuatus nur das „Heute“ und immer nur das „Heute“ gab und nie ein „Morgen“ oder „Übermorgen“.


Zeitgefühl

Am Donnerstag stieg ich in einen Bus ein um zum ersten Mal zum Ruderverein zu gelangen. Allan hatte mir gesagt, dass der Weg dorthin ca. 15 Minuten dauern würde, so fuhr ich extra um die 25 Minuten früher los um auch wirklich rechtzeitig anzukommen. Eine gefühlte halbe Minute nachdem ich eingestiegen war, fuhr das Fahrzeugaufeinmalnicht mehr vorwärts sondern drohte langsam den Berg wieder zurück nach hinten zu rollen. Der Busfahrer nahm einen Schraubenzieher in die Hand, doch ich konnte nicht wirklich ersehen was er damit anstellte und hörte es nur lautquitschen. „Oh, ich muss zur Tankstelle“ teilte er mir kurz mit und fragte, ob das für mich in Ordnung sei. Der Uhrzeiger drohte mir davon zu rennen und eigentlich hätte ich einfach in den nächsten Bus einsteigen können, doch ich war froh, dass mein jetziger Busfahrer sofort verstanden hatte wo ich hin will. So erkundigte ich mich bloß wie lange die Fahrt zum Ruderverein denn dauern würde, wenn wir zuvor tanken fahren würden.

„Ah, nur um die 5 Minuten“ winkte der Busfahrer ab.

Ich wollte dem nicht so richtig Glauben schenken und fragte noch einmal verwundert nach, doch er beteuerte mir dass es nicht länger als 5 Minuten dauern würde und ich beschloss sitzen zu bleiben. Letztendlich sammelte der Busfahrer noch ein Ehepaar auf dem Weg ein und machte einen riesen Umweg, obwohl er mich auf dem direkten Wege zuerst viel schneller hätte absetzten können.

Die Fahrt dauerte schließlich mindestens 25 Minuten also glatt 5 mal so lang, wie er es mir zugesichert hatte.

Ich fühlte mich zuerst ziemlich gestresst, doch dann stellte sich heraus, dass es beim Ruderverein gar keine festen Trainingszeiten gab so wie Allan es mir verkündet hatte. Ja, ja… hier kommt immer alles anders als man denkt. 😉


Gesang am Abend

Zeitlosigkeit

Es ist jetzt schon ein paar Wochen her, als ich zum ersten Mal Abends über den Markt ging und dabei dem Gesang der Leute lauschte. Sie treffen sich oft hier um gemeinsam zu singen und zu beten. Als die Sänger ihren lebhaften und fröhlichen Gesang mit einem rhythmischen Händeklatschen begleiteten und einige der Marktfrauen einstimmten und sich dabei gemütlich von links nach rechts wiegten, da schien mir auf einmal alles so zeitlos.

In diesem Moment konnte ich mir zum ersten mal wirklich vorstellen für ein Jahr oder auch länger hier zu bleiben… im Paradies!

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