Rangordnung: „Mann, Schwein, Frau“, im vermeintlich „glücklichsten Land der Welt“

Lese heute außerdem gerne den Artikel „Sklavenhandel“ hier.


Sarah klärte mich vor kurzem darüber auf, dass die Reihenfolge in Vanuatu „Mann, Schwein, Frau“ lauten würde. Woraufhin Dana, eine Rumänin, die hier bereits seit ca. 2 Jahren lebt ihr zustimmte, und meinte dass sie nicht gerne eine Ni-Vanuatu Frau wäre.

Sie erzählten mir, dass die Rate der häuslichen Gewalt in Vanuatu überdurchschnittlich hoch liegt, dass 1 von 4 Frauen schon einmal vergewaltigt wurden und dass die Dunkelziffer wahrscheinlich noch sehr viel höher ist.

Zudem wird mir von allen Seiten eingeschärft, egal ob von „locals“ oder Ausländern, die hier schon länger leben, dass ich auf gar keinen Fall alleine im Dunkeln unterwegs sein sollte und sie haben mir empfohlen alleine als Frau nicht in einen Bus einzusteigen. Keiner spricht jedoch über den Grund oder nennt mir irgendwelche Vorkommnisse aus der Vergangenheit, alle sagen bei Nachfragen schlicht „du solltest es nicht tuen!“

Der Nachdruck in ihren Stimmen klingt eindringlich und scharf und es liegt immer ein leichtes Gefühl der Bedrohung in der Luft, wenn das Thema „Vanuatu allein als Frau bei Nacht“ zur Ansprache kommt.

Dies kann man sich tagsüber wirklich nicht vorstellen und wie bereits beschrieben stellt es sich als wirklich schwierig heraus nicht alleine im dunkeln unterwegs zu sein, da es hier bereits ab 18:00 Uhr stock dunkel ist und ich mich ja auch nicht ab den frühen Abendstunden in mein Zimmer einschließen und verbarrikadieren will.

Ich habe mich bis jetzt noch nie auf den Straßen Port Vila´s unsicher gefühlt oder Angst gehabt, auch nicht im Dunkeln. Bis ich eines Nachts unterwegs zu einer Party der französischen Botschaft war und auf der anderen Straßenseite eine Frau auf einer Bordsteinkante sitzend erblickte. Um sie herum scharten sich drei Männer, einer von ihnen hatte einen Strüppel von langen Blättern in der Hand mit denen er wild durch die Gegend fuchtelte und auf den Rücken der Frau einschlug. Die Stimmen der drei Männer waren hart und laut, aber ich konnte sie nicht verstehen, da sie auf Bislama sprachen. Es sah so aus, als ob die Männer die Frau zum mitkommen bewegen wollten, aber diese weigerte sich, gleichzeitig lag in ihren Stimmen etwas vertrautes, so dass ich das Gefühl hatte, dass sich die vier Person kannten.

Ich wusste nicht genau was ich tuen sollte, ich wollte nicht einfach weg sehen und weiter gehen. Aber konnte ich mir anmaßen einfach einzuschreiten – als jemand, der die Sprache nicht verstand, die Hintergründe der Situation nicht wirklich einschätzen konnte und mit den kulturellen Gepflogenheiten nicht vertraut war?

Wäre es töricht oder mutig, sich auf die drei kräftigen Männer einzulassen? Einer der Männer schaute mich skeptisch von der anderen Straßenseite aus an, bis seine Blicke auch einen der weiteren Männer auf mich aufmerksam machten. Ich wurde unruhig und ging ein paar Schritte weiter, doch ich beschloss die Situation aus der Entfernung zu beobachten und Hilfe zu holen, falls sie sich verschärfen sollte. Doch nach kurzer Zeit wichen die drei dunklen großen Gestalten von der Frau und ließen sie in Frieden.
Ich atmete auf, bis ich von der französischen Party alleine in mein Hostel zurückkehrte, der Weg war nicht weit und es waren nur ein paar Minuten, doch als ich eiligen Schrittes an einer Gruppe von Männern vorbei schreitete begannen sie mir hinter her zurufen. Ich verstand nicht was sie sagten und ging einfach weiter, bis ich mich umdrehte und bemerkte, dass mir einer der Männer im schellen Schritt folgte.

Mein Herz begann zu rasen und bevor mein Kopf anfing zu denken rannten meine Beine instinktiv los so schnell wie sie mich tragen konnten.

Ich schaute mich nicht um sondern raste einfach weiter und hoffte inständig, dass das Tor zum Hostel noch offen war und ich nicht vor verschossenen Türen stehen würde. Ich hatte Glück, und konnte das Tor mit einem kräftigen Ruck öffnen, hastig ließ ich das Tor wieder zufallen und drehte mich erst jetzt um… ich hatte den Mann abgehängt.

Am anderen Morgen kam ich mit einem älteren australischen Touristen ins Gespräch, der am Tag zuvor angereist war. Als wir uns über die Sicherheit in Port Vila unterhielten winkte er ab und verspottete seine Landsleute, die mir einschärften nicht alleine im dunkeln unterwegs zu sein: „Die suchen doch nur einen Vorwand, um sich von den Einheimischen abzuschotten und in ihrer eigenen Plastikwelt zu leben.“

„Du, hast leicht reden, alter Mann“ dachte ich mir.

Denn er war erst seit einem Tag vor Ort, bewegte sich nur im unmittelbaren Stadtzentrum und war immer mit seiner gesamten Familie unterwegs.

So schien er nur die paradiesische Seite des Landes wahrzunehmen und die „Touri-Brille“ aufzuhaben. Wer konnte es ihm verübeln?

Denn es wirkt wirklich alles so traumhaft hier, dass man sich leicht beschwingt fühlt und aus dem Staunen gar nicht mehr raus kommt. Ich entgegnete dem Mann nur, dass es nicht nur die Ausländer waren, die mich davor warnten alleine durch die Dunkelheit zu bewegen. Er betonte noch einmal, dass er die Ni-Vanuatu´s für ein sehr friedliches Volk hielt und dass er nicht glaubte, dass sie irgendjemandem etwas zu Leide tuen würden, dann wandte er aber ein, dass es natürlich etwas anderes war, ob man mit der Familie oder als junge, weiße Frau alleine unterwegs sei.

Langsam begann das Paradies zu bröckeln, waren die fröhlichen Gesichter, der mitreißende Gesang und die beschwingte Atmosphäre nur eine Scheinwelt?

Hatte ich mich auch von der traumhaften Kulisse hypnotisieren lassen und nur das gesehen was ich sehen wollte – das Paradies aus den Reisekatalogen? Was steckte hinter dieser zauberhaften Fassade?

So begann ich mich zu fragen, wie ein Land in dem die Rangordnung „Mann, Schwein, Frau“ galt, die Rate der häuslichen Gewalt so hoch lag, 25% aller Frauen schon einmal vergewaltigt wurden und Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalt Kinder einfach wegsterben, weil sie zu wenig essen bekommen (Siehe Blogeintrag: „Zutiefst gerührt“), zum „glücklichsten Land der Welt“ gekürt werden konnte.

Ich betrachtete noch einmal die Kriterien der Studie, die Vanuatu zum „glücklichsten Land der Welt“ wählte, eine von ihnen lautete „der Umgang mit der Umwelt“. Doch in alle Ecken, die man in Port Vila blickte flog der Plastikmüll in der Gegend herum und in den Supermärkten deckten sie einen kostenfrei mit zig Plastiktüten ein. Sarah, vermutete, dass die Ni-Vanuatu´s noch keinen Bezug zu dem noch recht neuen Material „Plastik“ aus dem Westen entwickelt hatten und ihnen gar nicht bewusst war, wie schädlich der Stoff für die Umwelt sei.

So hand habten sie es, in Port Vila, mit dem Plastik wie sie es mit den Lebensmittelresten der vielfältigen Früchte- und Gemüsesorten gewohnt waren, sie schmissen es einfach wieder irgendwo hin – in die Natur zurück.

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