Lache, wenn du lachen kannst

Behinderung

Gestern als ich am Markt vorbei schlenderte war ich wirklich schockiert, ein Gefühl des Entsetzens machte sich in mir breit und ein Schaudern lief über den Rücken. Ein Mann, mit einer Flasche in der rechen Hand, der Schwierigkeiten hatte zu gehen folgte einer kleinen, zierlichen, älteren Frau. Die Frau hatte eine Behinderung, die ich nicht ein ordnen konnte und erst auf den zweiten Blick erkannte ich, dass der Mann unter einen Gehbehinderung leiden musste. Denn er zog ein Bein hinter sich her und die Bewegung seiner Arme schien er nicht wirklich kontrollieren zu können. Die beiden Personen entfernten sich gerade vom Markttreiben, da brach ein älterer Herr, auf einer Bank sitzend mit einem Blick auf die beiden Menschen mit Behinderung in schallendes Gelächter aus, ein weiterer neben ihm stimmte ein…

…bis die beiden Männer immer mehr Menschen ansteckten, die überaus laut zu lachen begann und teils mit dem Finger auf die beiden behinderten Personen zeigten.

Ich konnte das hämische, grauenhafte Gelächter nicht ertragen und wieder konnte ich die Situation nicht wirklich einschätzen. Ich wusste nicht genau, ob die beiden Personen zusammen gehörten oder ob der Mann die Frau nachäffte und die Gehbehinderung nur vortäuschte, da er zwischenzeitlich ein paar „normale“ Schritte zu machen schien. Auch wusste ich nicht ob er hinzu betrunken war und nur der Frau sah man von außen ihre Behinderung an. Aber ich spürte das hier etwas gewaltig falsch war, und dass das tragische Schauspiel an mein moralisches Bewusstsein und meine ethischen Prinzipien appellierte. Prinzipien, die durch die Ethik des westlichen Kulturraumes geprägt waren.

Was verstand man hier unter Moral und Ethik?


Tod

"Land Diving" (Quelle: .dailystar.co.uk/)

„Land Diving“ (Quelle: .dailystar.co.uk/)

Auf einer Insel Vanuatu´s, Pentecost, wird im Frühjahr und Sommer, das Lianenspringen von den Einheimischen Männern betrieben, welches als indirekter Ursprung des modernen Bundgee-Springens gilt.

Bei dem Abschiedsabendessen von Thibu erklärte mir Henry lachend, dass in den 80er oder 90er Jahren ein Mann bei einem Sprung gestorben sei.

Ich konnte nicht nach vollziehen warum er über diesen tragischen Unfall lachen musste und fragte ihn: „Was ist denn daran so witzig?“ Dann berichtete er mir, dass der Sprung außerhalb der üblichen „Land diving“ Zeiten, zu Ehren der Queen, die in Vanuatu zu Besuch war abgehalten wurde. Er erklärte mir, dass das Seil mit dem sich die Männer in die Tiefe stürzten, aus dem Material eines bestimmten Baumes bestand, welches nur im Frühjahr und Sommer elastisch sei.

Während seiner Erzählung kam Henry noch immer nicht heraus aus dem Lachen und konnte sich vor Lachen kaum halten.

„Wirklich dumm dieser Mann“ beendete er seine Erläuterung über den Mann der außerhalb der Saison gesprungen war und zu Tode kam. Nachdem mich Henry über den Hintergrund dieses Unfalls aufklärte konnte ich die tragische-Komik dieses Vorfalls etwas nachvollziehen, aber irgendwie lag in dem Lachen ein bitterer Beigeschmack.


Hitler

Als ich bei Paul´s Familie in Tanna zu Besuch war, fragte mich sein Onkel, Denny:

„Hitler, ist dein Held, oder? – Gibt zu du wünscht dir so jemanden wie Hilter zurück?“

Seinen genauen Wortlaut habe ich vergessen, aber in etwa so hatte er es formuliert und Hitler lang und breit lachend gefeiert. Ich sah ihn völlig ungläubig und entsetzt zugleich an, meine Mine verfinsterte sich und ich fragte ihn schockiert wie er so etwas sagen konnte. Doch er reagierte nicht wirklich auf meine Anfrage und bohrte weiter nach: „Komm schon, du magst Hitler!“ Und jetzt war es keine Frage mehr, sondern eine klare Aussage. Ich war wirklich fassungslos und wurde langsam verärgert, Denny schien das zu spüren und forderte mich mit einem Grinsen auf:

„Du musst das locker nehmen.“ Daraufhin versuchte ich ihm klar zu machen, dass ich diesen schwarzen Teil deutscher Geschichte nicht „locker nehmen“ konnte und dass es alles andere als witzig war, das wir deutschen für den Massenmord der Juden verantwortlich waren.

Als Denny noch immer nicht aufhörte zu lachen, fragte ich mich allmählich wie viel er eigentlich über Hitler, seine abscheuliche Weltanschauung und die Vorkommnisse des 2.Weltkrieges wusste? Um ihm das Grauen annähernd verständlich zu machen erklärte ich Denny nun, dass die Juden wie die Tiere in Duschräumen zusammen gefercht wurden, doch das kein Wasser aus den Duschköpfen sprühte sondern Gas. Jetzt erst Begann Denny zu dämmern, dass er mich mit der Vergasung der Juden nicht zum Lachen bringen konnte und meinte: „Es war ja nur ein Spaß, man muss das Leben locker nehmen, Lachen über die Dinge und nicht alles so ernst sehen.“ „Ja, das mag sein“ entgegnete ich ihm, „aber ich kann nur über das Lachen, was ich auch wirklich witzig finde“.

Diese Kultur, dass man immer über alles Lachen muss, zwanghaft fröhlich zu sein und dramatische Themen mit einem bloßen Lächeln abzuwenden hatte ich schon in China nicht verstanden. Dabei musste ich an einen Freund denken, den ich vor ein paar Jahren im „Land der Mitte“ auf meiner Asienreise kennen gelernt hatte und der mir am Ende einer Nachricht oft schrieb „Smile and be happy“. – Klar, lächelte ich gerne und war fröhlich, aber nicht auf Kommando.

Doch was verbag sich wohl hinter er Fassade des Lachens? War das Lachen nur vorgeschoben, stellte es vielleicht einen Weg dar, mit dramatischen Themen auf eine andere Art und Weise umzugehen?

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